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26.08.2009

10. Illinger Motorradherbst im September 2006

 

Wieso bimmelt denn dieser unverschämte Wecker so früh. Ist heut nicht Sonntag?

- Ja schon, heut ist Sonntag. Heut ist aber auch der traditionelle „Illinger Motorradherbst“. Also aufstehen, trotz der frühen Stunde und anziehen. Beim Blick aus dem Fenster überlege ich mir das aber lieber noch mal. Duster und neblig. 13 Grad zeigt das Thermometer. Soll ich da heut wirklich Trike fahren?

- Über 15 000 KM hab ich in dieser Saison schon hinter mich gebracht. Oft bin ich nass geworden und oft hab ich gefroren. Manchmal hab ich wirklich überlegt ob mir das Triken denn tatsächlich so viel bedeutet, dass ich das wirklich gerne in Kauf nehme? Ich glaub heute leg ich mich lieber wieder unter meine warme Decke!

 

Im vergangenen Jahr, beim 9. Illinger Motorradherbst waren annähernd 50 Trikes unter den unzähligen Motorrädern und Gespannen. Trotzdem war nicht für jeden der zum Teil mehrfach behinderten Menschen, für die diese Ausfahrt unternommen wird, eine Mitfahrgelegenheit vorhanden. Die Erinnerung an die enttäuschten Gesichter derjenigen, die nicht mitfahren konnten trieb mich dann doch aus dem Bett.

 

Eigentlich ist ja gar nicht so kalt. Der Nebel lichtet sich auch schon stellenweise als ich pünktlich um halb zehn bei der Trikevermietung Edel ankomme. Das ist der erste Treffpunkt. Von dort aus geht es dann im Konvoi nach Illingen zur ev. Cyrakus Kirche. Die vor Jahren an dieser Kirche tätige Pfarrerin Christiane Keller, eine begeisterte Motorradfahrerin, hat diese Aktion 1997 ins Leben gerufen. Anfangs trafen sich einige Motorradler zu einem Gottesdienst mit anschließender Ausfahrt. Dann wollte man mit dieser Sache auch etwas Gutes tun und lud über die Lebenshilfe Pforzheim behinderte Menschen ein, einen Tag mit Bikern zu verbringen. Dabei stellte man dann fest, dass diese Menschen auf einem Trike weitaus besser und bequemer zu chauffieren wären. Da kam dann Dieter Edel mit ins Boot. Der bekannteste Trikevermieter im hiesigen Raum trommelte so viele Triker mit ihren Dreirädern zusammen, dass die zum Teil mehrfach oder schwerst behinderten Menschen an einer Ausfahrt durch das wunderschöne Zabergäu und den Stromberg teilnehmen konnten.

 

Annähernd 30 Trikes setzten sich dann in Mühlacker richtung Illingen in Bewegung.

Bei der dortigen Kirche trudelten dann nach und nach immer mehr Triker, Biker und Gespannfahrer ein. Weit über 50 Trikes, schätzungsweise 25 Gespanne und sicherlich über 200 Motorräder versammelten sich dort auf dem weitläufigen Platz vor Schule und Kirche.

 

Weit über fünfzig behinderte Frauen und Männer, die die Lebenshilfe Pforzheim Enzkreis ev. betreut, standen schon erwartungsvoll an der Einfahrt zum Parkplatz. Jeder motorisierte Neuankömmling wurde von ihnen begeistert begrüßt. Viele hatten schon „ihren Stammfahrer“ von den Vorjahren erkannt.

 

Pünktlich um halb elf begann der „Open Air Gottesdienst“, den der Nachfolger von Pfarrerin Keller, Pfarrer Koser – Fischer, abhielt. Die Orgel ersetzten bei diesem Gottesdienst die fünf Musiker der „Ruck Zuck Band“. Auch diese rekrutieren sich aus dem Kreis der Behinderten.

Nach einem kurzen Kaffee beginnt dann der große Aufbruch. Bis die vielen Menschen alle auf die bereitstehenden Maschinen verteilt sind, vergeht schon eine Weile. Helmut, mein Fahrgast vom Vorjahr hatte mich nicht gefunden und hat deshalb einfach ein anderes Trike besetzt.

Joseph, ein mehrfach behinderter Rumäne, hat sich mir angeschlossen. Da Joseph nicht so sehr gut zu Fuß ist, helfen wir ihm zu dritt auf den Soziusplatz meines Trikes. Festhalten kann er sich aber recht gut, ein Sichern mit Spanngurten ist also nicht nötig. – Helm auf und dann geht’s auch schon los.

 

Die Sonne hat am Himmel die Oberhand gewonnen und unter einer wolkenlosen Kuppel starten wir die Maschinen und rollen gemütlich mit Polizeibegleitung über die kurvigen Landsträßchen des Strombergs und des Zabergäus. Hinter der endlosen Kolonne von Zwei – und Dreirädern fahren die Kleinbusse der Lebenshilfe, die nun die ursprünglichen Sozias mit auf die Ausfahrt nehmen. Nach einer guten Stunde machen wir auf einem Waldparkplatz Rast. Einen Apfel gibt es dort als Wegzehrung. Der kann aber bei mir weder das ausgefallene Frühstück noch das Mittagessen ersetzen.

 

Schon heißt es auch wieder „aufsitzen, es geht weiter“.  Auf schmalen, kurvigen Sträßchen geht es mal durch dichten Wald, mal durch steile Weinberge oder auch vorbei an grünen Viehweiden. Viel zu schnell für die begeisterten Beifahrer ist der Ausgangspunkt Illingen wieder erreicht. Die Betreuer unserer Fahrgäste erwarten uns schon und nehmen ihre Schützlinge wieder unter ihre Fittiche. Ganz stolz ist mein Beifahrer Joseph, weil wir beide ganz alleine das Absteigen bewerkstelligen.

 

Mir hängt nun aber der Magen wirklich an den Kniekehlen. Drei Uhr mittags und außer einem Apfel gab’s heute noch keine feste Nahrung. Böse Zungen behaupten, das würde mir überhauptnix schaden – da kann ich doch nur lachen.

Nun kommen etwa 300 Menschen fast zeitgleich bei einem Festzelt an und alle haben Hunger und Durst. Die dreireihige Schlange vor der Kasse hat schnell die Länge von 25 Metern erreicht. Nach einer halben Stunde nimmt aber die Schlange vor der Kasse stetig ab – und verlagert sich vor die Essensausgabe.

Ich begnüge mich dann mit einer Bratwurst mit Brötchen, das geht am schnellsten. Dann sitzen wir mit den dicken Lederklamotten in der prallen Sonne und schwitzen vor uns hin. Schattenplätze gibt es nur für die ersten fünfzig der etwa dreihundert Gäste. Das alles wird aber aufgewogen von den strahlenden Gesichtern unserer behinderten Mitmenschen, denen wir mit ganz wenig Aufwand einen schönen Tag beschert haben.

 

- Hallo Joseph, die Bilder habe ich über Dieter Edel an die Lebenshilfe Pforzheim geschickt. Ich hoffe dass sie bei Dir ankommen. Im nächsten Jahr fahren wir dann wieder miteinander wenn es heißt „11. Illinger Motorradherbst“.