Last update:

26.08.2009

Ein deutsches Trike mit amerikanischem V 2 Herzen und italienischer Seele

Das Rewaco HS 6 V Twin

Was fällt mir ein zum Stichwort Harley?

 

Harley ist Kult

Harley ist zweizylindrige Schwerfälligkeit

Harley ist laut und polternd

Harley ist Vibration pur.

Harley ist nicht immer sehr zuverlässig

 

 

Nun bekam ich von der Firma Rewaco ein Trike mit diesem amerikanischsten aller amerikanischen Motoren von Harley Davidson für eine Probefahrt zur Verfügung gestellt.

Ich kann es vorwegnehmen, von meinen Vorurteilen hat sich außer dem Kultstatus keines bewahrheitet. – Im Gegenteil. Von Schwerfälligkeit kann absolut keine Rede sein. Der Geräuschpegel beim V - Twin Trike dürfte für mein Gehör ruhig etwas höher liegen. Von Vibrationen ist sehr wenig zu spüren und auf den fast 500 KM Probefahrt musste ich mir keine Gedanken um irgendwelche technischen Probleme machen.

Das Trike vereint zwei Charaktereigenschaften die sich ganz harmonisch ergänzen.

Der kultige, großvolumige Motor, lädt ein zum entspannten Landstraßencruisen. Bei Tempo 100 liegen nur etwa knapp 3000 Touren an. Das kommt sicherlich auch dem Spritverbrauch zu Gute.

Gleichzeitig ist das Fahrzeug aber schlank und grazil wie eine rassige Italienerin. Flach und leicht gebaut, lädt es ein zu rasanter Kurvenhatz. Das geht dann so leicht und spielerisch vonstatten dass auch in der kühlen Eifel das Gefühl nach Italienurlaub und Dolce Vita aufkommt.

                      

Viele technische Angaben und Daten wird es bei diesem Fahrbericht nicht geben. Wie lange von 0 auf 100? Wie hoch ist die Endgeschwindigkeit? Das ist alles trockene Theorie. Was hier zählt, sind Emotionen und das Kribbeln im Bauch. Ganz bestimmt wird sich niemand diese Trike aus wirtschaftlichen oder praktischen Überlegungen heraus kaufen. Sicher gibt es schnellere, stärkere und billigere Trikes. Es gibt aber kein anderes Trike das das so einen Charakter hat und so die Gefühle und alle fünf Sinne seines Besitzers anspricht wie dieses V Twin von Rewaco.

 

Ein paar Daten sollten aber vielleicht doch noch sein, wir sind ja hier nicht bei Rolls Roys die ihre Leistung lediglich mit „ausreichend“ bezeichnen.

Der luftgekühlte V 2 Zylinder Motor von Harley Davidson, hat 1446 ccm Hubraum und 78 PS. Da das max. Drehmoment von heftigen 125 Nm schon bei gemütlichen 2700 Kurbelwellenumdrehungen anliegt, verspricht das Triebwerk wirklich ausreichend Vorwärtsschub in allen Lebenslagen.

Damit dieser Vorwärtsschub nicht in irgendwelchen Straßengraben endet, hat Rewaco dem Dreirad eine integrale Scheibenbremsanlage mit drei Scheiben und einem serienmäßigen Bremskraftverstärker spendiert. Diese Super Bremse ist in der Lage das rassige 515 Kg Leichtgewicht innerhalb kürzester Distanz wieder zum Stehen zu bringen. - Ich weiß wovon ich schreibe, ich hab das ausprobiert und hatte plötzlich meine ansonsten sehr sesshafte Sozia im Genick.     

Mein Vorführtrike war schon ein Jahr alt und hatte knapp 4000 KM auf der Uhr.

Böse Zungen behaupten ich wäre ein recht finsterer Typ. Deshalb passte die himmelblaue Lackierung des Dreirades nicht unbedingt zu mir. Beim Kauf würde ich mich für eine andere Farbe entscheiden. Aber Gott sei Dank hat ja hier der Kunde die Auswahl aus mehr als einem Dutzend Standard – und Sonderfarben.

Ich hab den 38 Ltr. Tank voll getankt bis an den Stehkragen. Dabei fiel mir auf, dass sich das Fass ohne zu spritzen und zu kleckern füllen lies. Viele Triker können ein Lied von langwierigen Tankprozeduren singen wenn zu enge und womöglich noch geknickte Spritschläuche in ihrem Trike verbaut sind.

 

Nun konnte es endlich auf Tour gehen.

Das Startprozedere ist Rewaco typisch: Zündschlüssel in Position eins, die Zündung ist an. Die linke Hand drückt den Starterknopf am Lenker. Bei kaltem Motor vorher den Chokehebel ein kleines Stückchen ziehen. Der Motor springt sehr willig und sofort an. Nun den Schlüssel in Position drei drehen, damit ist das Fahrlicht eingeschaltet. Die linke Hand greift nun nach vorne zur Tankattrappe und legt dort den ersten Gang ein. Dies verlangt bei der ersten Fahrstufe eine genaue Führung und etwas Nachdruck. Die anderen Gänge flutschen dann viel leichter durch die Kulisse, auch beim zurückschalten. Nun darf die linke Hand nach unten gleiten und die Feststellbremse lösen.

Jetzt kann das Vergnügen beginnen.  

 

Ein paar Dinge fallen schon auf den ersten zurückgelegten Kilometern auf.

Der Magura Kurzhubgasgriff – von Leerlauf bis Vollgas genügt eine Viertel Umdrehung. Da ist kein Nachfassen nötig.

Das nervige, aber anscheinend nötige Kühlgebläse. Die beiden Zylinder wollen vor allem bei gemütlicher Fahrt, wenn der natürliche Fahrtwind nicht ausreicht, trotzdem gut gekühlt werden. Dazu schaltet der große Ventilator immer wieder für ein paar Sekunden ein. Ein Geräusch „als wenze fliechst“. Die Öltemperatur stieg bei meiner Probefahrt aber selten mal auf mehr als 90 Grad an.    

Die Sitzposition in dem gut ausgeformten Schalensitz ist recht gut – auch für meine ausladende Figur. Allerdings dürften für meine Abmessungen die Pedale noch ein klein wenig weiter verstellbar sein. Ich hatte beide Edelstahlpedale schon in die längste Position verstellt und musste trotzdem bei ganz lässiger und hingelümmelter Sitzhaltung die Beine zum Kuppeln oder Bremsen recht weit anheben. Der formschöne Beinschutzbügel verleitet einen dazu die Beine ganz weit vorne zu platzieren und lässig und obercool über die Straßen zu cruisen.

Gerade aber auch bei einer solchen Sitzposition drückt das obere Ende der Sitzlehne direkt unter den Schulterblättern ins Kreuz. Vor allem auf längeren Strecken kann das recht ungemütlich werden. Durch eine etwas höhere Lehne könnte hier sehr viel mehr an Komfort erreicht werden. Um der Sozia dann noch das Aufsteigen zu erleichtern müsste diese Lehne halt zum Vorklappen sein. Dabei wäre dann hinter der Lehne des Fahrersitzes möglicherweise auch noch ein abgeschlossenes Gepäckfach einzurichten?

Bei diesem lässigen cruisen fehlte mir dann aber doch ein wenig das typische bollern des V2. Der Auspuff nimmt mir persönlich ein wenig zu viel von dem angenehmen Motorgeräusch weg. Gibt’s denn keine Harley – Fahrer beim TÜV? Würde das Trike  mir gehören, wüsste ich schon einen Weg um meinem Gehör zu geben was es verlangt.

Gerade beim sehr gemächlichen cruisen ist das Abrollgeräusch der Reifen fast lauter als der Auspuff. Durch den eingebauten G – Kat müsste doch das grüne Gewissen so weit beruhigt sein, dass wenigsten ein bisschen mehr von dem Arbeitsgeräusch des optisch so gut gelungenen Triebwerkes zu hören ist.

Für einen etwas kürzer geratenen Sozius sollten unbedingt die optionalen, in alle Richtungen verstellbaren, Fußrasten mit geordert werden. Die etwas kurz geratenen Gehwerkzeuge meiner Frau fanden auf dem Beinschutzbügel keinen Halt. Ich musste mir dann eine deutliche Standpauke anhören weil sie, bei einer für mich wunderschönen Serpentinenfahrt, die ich recht flott angegangen bin, auf dem Soziusplatz nicht den richtigen Halt fand.

Auf den schmalen Sträßchen mit ihren vielen scharfen Kurven rund um den Nürburgring stellte ich fest, dass das HS 6 bei zu flott angegangenen Ecken leicht kontrollierbar über das Vorderrad schiebt. Erst wenn man dann durch heftiges Gasgeben einen Drift provoziert, kommt das Heck leicht ins Übersteuern. Dies alles passiert aber erst beim Erreichen des sehr weit oben liegenden Grenzbereiches. Das Fahrwerk des Rewaco verkraftet sicherlich mehr als der Magen sehr vieler Triker oder vor allem deren Sozias. Mir jedenfalls wurde angeboten solche „Spielereien“ in Zukunft bitte alleine zu machen.

Daraufhin bin ich am Nürburgring von Adenau nach Nürburg die Steigung im dritten Gang mit 50 – 60 Km/h hochgefahren (mit Sozia). Dabei dreht dann der V2 mit etwa 2000 Touren und ist schön im Zug. Ich habe heute noch eine Gänsehaut wenn ich an diese angenehmen „Vibrations“ und an das bollernde Motorengeräusch denke.

– Dafür kauft man sich solch ein Trike!

So deutlich sind die angenehmen Vibrationen und das Motorgeräusch aber nur in diesem Drehzahlbereich und nur wenn der Motor dabei ordentlich unter Druck steht zu vernehmen. 

 

Lange Hochgeschwindigkeits- Hetzjagden auf der Autobahn sind nicht das Metier dieses Kurvenräubers.

Sollte es doch einmal sehr schnell nur geradeaus gehen müssen, so kann ich sagen, dass der zweite Gang bis etwa 80 KM/h und der dritte bis gut 120 KM/h reicht. Schaltpunkt jeweils bei etwa 5000 U/pm. Im vierten Gang ab etwa 140 KM/h tut sich der Motor dann doch recht schwer. Wer will sich oder seinem Trike solche Tempi aber wirklich antun? 

 

Bei flotter Kurvenhatz auf den bergigen Eifelsträßchen bin ich sehr dankbar um die kurzen und knackigen Schaltwege. Allerdings saß der Golfballknauf sehr locker im Gewinde des Schalthebels. Als ich den dann etwas fester gedreht habe, habe ich zu weit gedreht und die Sperre des Rückwärtsganges blockiert. Hier könnte mit einem Tropfen Sekundenkleber Abhilfe geschaffen werden.

Der breite Vorderreifen im Format 200/50 ZR 17 und die sportlichen, optisch gut zur geduckten Silhouette passenden Niederquerschnittsreifen von Michelin in 285 / 35 ZR 18 tun ihr übriges um die Fahrmaschine auch bei zu schnell angegangenen Ecken in der vorgesehenen Spur zu halten.

Schon unter 2000 Touren stellt der Motor ausreichend Drehmoment zur Verfügung. Wer bei diesen Drehzahlen den Hahn aufzieht hat am meisten von den legendären „good Vibrations“ und kann auch ein dezent bollerndes Auspuffgeräusch genießen. Genau aus diesem Grund sollte das HS 6 niemals mit einem geschlossenen Helm gefahren werden. Dadurch würde zumindest einer der fünf Sinne um ein tolles Erlebnis gebracht.

 

Auch bei harter Einstellung des verstellbaren Fahrwerkes bleibt der Komfort nicht auf der Strecke. Auch auf den weniger guten Nebenstrecken in Eifel und Westerwald vermisste ich keinerlei Komfort.

Auch wenn der Lenker mal komplett losgelassen wird fährt das Trike sogar bei höherer Geschwindigkeit stur geradeaus.

Beim Blick nach vorne, an dem formschönen und gut ablesbaren Doppelinstrument vorbei, kann man schön beobachten wie gut die dicke Teleskopgabel arbeitet um das Vorderrad auch auf schlechtesten Straßen am Boden zu halten.

 

Der Spritverbrauch während meiner Probefahrt lag bei knapp 8,2 Ltr./ 100 KM.

 

Innerhalb drei Tagen hatte ich mich so an dieses charaktervolle Trike gewöhnt, dass es mir am Sonntag recht schwer fiel durch das Bergische Land zu fahren um das himmelblaue Teil wieder seinem Besitzer nach Lindlar zurück zu bringen. Zwischenzeitlich hätte ich mich sogar mit der himmelblauen Lackierung arrangiert und würde das Trike sogar in dieser Farbe gerne weiterfahren – wenn die Lotofee gerade mal mich ausgucken würde. Oder sonst irgendwo die nötigen knapp 30 000 Euronen herkommen würden.