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26.08.2009

100 Pferdchen  lassen die Muskeln spielen

Vor ziemlich genau 41 Jahren nahm die Firma Ford in Amerika die Produktion eine Autos auf, das wie kaum ein anderes den Begriff „Muscle Car“ prägte.

Es handelte sich dabei um den legendären „Ford Mustang“. Hierfür wurden Fahrwerkskomponenten einer normalen Familienkutsche mit einem bärenstarken Sechszylinder - der aber bereits kurze Zeit später durch einen 4,7 Ltr. V 8 mit damals unglaublichen 226 PS ersetzt wurde - versehen.Das Auto fand – und findet bis heute noch – reisenden Absatz.Nun verfolgt die Firma Boom mit einem Trike ein ähnliches Konzept.Auf den modifizierten Rahmen eines herkömmlichen „Low Riders“ wurde ein 100 PS starkes Einspritzaggregat von einem Ford Fiesta implantiert. Einen der ersten Prototypen dieses Modells erhielt ich an einem nebligen Märzmorgen 2005 um für die „Triker Szene“ einen ersten Fahrbericht zu erstellen. Direkt aus der Werkstatt des Elektronikers, der letzte Hand an die Bordelektronik gelegt hatte, bekam ich das Trike auf den Hof gestellt.Das erste Platz nehmen ergab nix Neues. Reinsetzten und sich wohlfühlen. Das ist wohl das Gefühl bei jedem der sich in den tiefen Sitz eines Low Riders setzt.Die Utensilien wie Regenkombi und Fotoapparat fanden in dem großen Koffer Platz. Dann rückwärts ausparken – und ich krieg keinen Gang eingelegt: Das Getriebe tat lautstark kund, dass ich die Kupplung gefälligst bis zum Anschlag durchzutreten hatte. Wurde diese Forderung erfüllt, gingen die Gangwechsel durch die kurzen Wege in gewohnter Weise schnell und präzise vonstatten.Der erste Weg führte mich dann an die Tanke um den Spritbehälter bis zum Stehkragen aufzufüllen. Ich möchte ja schließlich auch wissen was der Muskelprotz an Nahrung zu sich nimmt. Bei kurzen Gasstößen gibt der Motor immer kurz ein schmatzendes Geräusch von sich. Vermutlich möchte er damit andeuten, dass er nicht gerade ein Kostverächter ist.

Der Gasgriff überträgt seine Befehle nicht mehr über einen störanfälligen Bowdenzug, sondern via Potentiometer und Kabel an die Drosselklappen. Dadurch ist nicht nur eine sehr kurze Drehbewegung möglich, sondern die ganze Geschichte geht auch noch sehr leichtgängig.  Allerdings ist die Reaktionszeit beim Gaswegnehmen gewöhnungsbedürftig lang.

Ebenso leichtgängig ist bei niedriger Geschwindigkeit auch die Lenkung. Hier wünschte ich mir auf den ersten Metern einen Lenkungsdämpfer um etwas mehr Richtungsstabilität zu erreichen. Dies relativiert sich aber bei zunehmendem Tempo. Bei einem PKW ist eine sehr aufwendige Servounterstützung notwendig um diesen Effekt zu erreichen.

Die recht hochfrequenten Schwingungen vom Motor werden im Lenker von meinen dicken Handschuhen und den Moosgummigriffen gut absorbiert.

Der Heimweg führte mich im dicksten Osterverkehr über die Autobahn. Dabei fiel mir sehr positiv der tadellose Geradeauslauf auf. Auch bei hohem und sehr hohem Tempo lässt sich die Fuhre nur durch Längsrillen auf der Fahrbahn aus der Richtung bringen. Das Loslassen des Lenkers bei Tempo 160 hat keine Auswirkung auf die Fahrtrichtung. – Auch nicht auf die Geschwindigkeit sofern man vorher den optional erhältlichen Tempomat betätigt hat.

Die Fighterfrontmaske hat eine Wirkung die ich dem kleinen Teil wirklich nicht zugetraut hätte. Kopf und Oberkörper werden auch bei Geschwindigkeiten die fast die 180 KM/h Grenze erreichen deutlich vom Winddruck entlastet.

So ereichte ich die heimatliche Garage und hatte mich eigentlich schon recht gut mit dem neuen Fahrzeug angefreundet.

Ich hatte Glück, dass die Wettervorhersagen, die relativ schlechtes Wetter über die Ostertage prophezeiten,  in unserer Gegend nicht zutrafen. Es lagen herrliche Tage vor mir und das Trike sollte zeigen was es so alles drauf hat.

Jürgen Hammer wurde zum mitfahren animiert um die Freude am Fahren auch im Bild festzuhalten.

Bei voller Beschleunigung ist der erste Gang des VW Getriebes auf dem potenten Ford Motor fast etwas zu kurz ausgelegt. Da komme ich nicht schnell genug mit den Gangwechsel nach und die Hinterräder scharren recht kräftig auf dem Asphalt.. Beim Bummeln ist der vierte Gang eigentlich für alle Tempi ausreichend die zwischen 40 und 180 KM/h liegen, ich meine fast ein Automatikfahrzeug zu bewegen – so macht das cruisen richtig Spaß.  Nur bei sportlicher Fahrweise und in den Bergen kommen die beiden mittleren Gänge dann verstärkt zum Einsatz.  Bei Autobahntempo 125 liegen allerdings schon ca. 4000 UpM an. Das drückt natürlich auch den Spritverbrauch etwas nach oben. Wahrscheinlich ist aber ein Liter Sprit von Zeit zu Zeit mal mehr verbraucht im Endeffekt billiger als ein anderes Getriebe mit fünf Gängen.

Das Gewicht des bärenstarken Ford Aggregats ist bei jedem Richtungswechsel deutlich zu spüren. Durch das recht hohe Gewicht des Antriebs und die Platzierung von Motor und Getriebe hinter der Hinterachse drängt das ganze Heck in schnellen Kurven in Richtung kurvenäußerer Straßengraben. Hier ist vom Fahrer schon ein wenig Erfahrung und eine disziplinierte Gashand gefordert (Porsche 911 lässt grüßen). Hat dieser aber die nötige Übung und Erfahrung kann er das Trike auch mit dem Gasgriff durch die Kurven dirigieren. Das ist dann Triken mit Spaßfaktor 100 !!!

Ich habe noch nie eine so souveräne Fahrt auf einem Trike erlebt. Ob das nun mit Tempo 50 innerorts war oder mit 160 auf der Autobahn. Ab Tempo 40 lässt sich das Dreirad fast wie ein Automatikfahrzeug bewegen. Sämtliche Schaltvorgänge werden dann überflüssig. Der bullige Motor ist mit dem Gefährt eigentlich nie überfordert. Ich kann mir vorstellen, dass das Muscle Trike auch mit einem gut beladenen Qek am Haken noch eine gute Figur abgibt. Dabei kann man dann bei einer Gewichtskontrolle durch die grüne Trachtentruppe noch recht gelassen bleiben: Die zulässige Anhängelast soll in Deutschland bei 550 kg. liegen.  Auch die Integralbremsanlage dürfte mit einem mit zwei Personen besetzten Fahrzeug und einem Anhänger nicht an ihre Grenzen stoßen. Die großen Scheiben hinten sind ausreichend dimensioniert. Die vordere Scheibe wird über das Fußbremspedal mitbetätigt. Allerdings ist das Pedal recht „weich“. Ein richtiger Druckpunkt ist nicht zu definieren. Das soll aber lt. Wolfgang Merkle in der Serie noch verbessert sein. Dann werden optional auch noch innenbelüftete Scheiben mit Bremskraftverstärker angeboten.

Bei einem Premium PKW würde man sagen „Der Akustik Designer hat tolle Arbeit geleistet“. Hier sage ich, die Geräuschkulisse ist immer richtig angenehm. Beim Beschleunigen ist ein schönes, sonores Brummen deutlich zu vernehmen. Im Schiebebetrieb verändert sich der Ton in ein dumpfes Grollen.

Als Besitzer und Fahrer eines Dreirades das direkt der ersten Generation in Deutschland produzierter Trikes abstammt, bin ich immer wieder überrascht und begeistert von der spontanen Gasannahme eines Einspritzermotors. Da gibt es kein Verschlucken, kein ruckeln und kein „Vergaserloch“.

Über das Fahrverhalten der superbreiten und superdicken Komfortgabel in Verbindung mit dem Low Riderrahmen brauchen wir genauso wenig reden wie über die Ergonomie von Fahrer und Beifahrersitz. Das passt ganz einfach.

Die fast einen halben Meter breiten dicken Gabelbrücken vermitteln dem Fahrer dahinter das Gefühl in einer Trutzburg zu sitzen.

In dem gut in die Fightermaske integrierten Armaturenblock vom Ford Fiesta gibt es keine sichtbare Kontrollleuchte für das eingeschaltete Licht. Auch nach Abziehen des Schlüssels brennt das Standlicht weiter. Hoffentlich wird da nicht mal ein Muscle Treiber von einer leeren Batterie überrascht.

Der alte VW Boxermotor ist nicht gerade eine Schönheit. – Gegen einen modernen Reihen Vierzylinder würde er aber jede Misswahl haushoch gewinnen – auch wenn daran noch so viel mit hochglanzpoliertem Edelstahl verkleidet wurde. Nach meinem Geschmack sollte hier noch einmal Hand angelegt werden und die Motorteile versteckt werden die von der Witterung schnell und stark angegriffen werden. Der Prototyp wurde auch über die Wintermonate ausgiebig gefahren und das Streusalz zeigte sich an den Gussteilen den Motors mit unschönen weißen Ausblühungen.

Vom Spritverbrauch war ich angenehm überrascht:

Tank randvoll bei Km 1571

25,15 Ltr. Super nachgetankt bei 1842 = 271 Km zurückgelegt. Durchschnitt von 9,3 Ltr. bei überwiegender Autobahnfahrt - entweder im Stau schleichend oder Vollgas !

27,37 Ltr. nachgetankt bei 2175 = 333 Km zurückgelegt. Durchschnitt von 8,2 Ltr. bei gemischter Fahrweise.

17,83 Ltr. nachgetankt bei Km 2408 = 233 Km zurückgelegt. Durchschnitt 7,6 Ltr. bei relativ konstanter Geschwindigkeit von ca. 120 Km/h auf der Autobahn.

Ein Tageskilometerzähler wäre eine schöne Sache! Der soll aber in der Serienfertigung mit an Bord sein sagte mir Wolfgang Merkle.

Insgesamt hatten wir während der gesamten Fahrstrecke einen Durchschnittsverbrauch von 8,4 Ltr. Superbenzin.

Ich denke, ein Fahrer der sein Trike kennt und nicht mehr ständig Höchstleistungen von ihm fordert, kann ohne weiteres Werte von durchschnittlich 7 Ltr. / 100 Km erreichen wie diese von Boom auch angegeben werden..

Das muskulöse Dreirad ist zu einem Listenpreis ab 21 800,- Euronen bei Eurem Boom Händler zu kriegen.

Um wie viel moderner die Technik und besser das Fahrverhalten des Boom Muscle Trike ist, bemerkte ich ganz deutlich als ich mich zwischendurch mal auf mein eigenes Trike setzte um damit mal eine Runde um den Block zu drehen. Dieses Dreirad, das mir in den vergangenen Halbdutzend Jahre viele Kilometer treu gedient hat und das mir so ans Herz gewachsen ist dass ich immer meinte, ich würde mich davon nie trennen, dieses Fahrzeug kam mir plötzlich so etwas von hochbeinig, unbeholfen und fast unfahrbar vor.

Gottseidank hat es geregnet und das Thermometer zeigte nur knapp 10 Grad C. als ich das Dreirad wieder nach Sontheim ins Boom Werk zurückbrachte. So ist mir mit durchgefrorenen Knochen der Abschied von dem sympathischen Muskelprotz nicht ganz so schwer gefallen.

Wolfgang Merkle, einer der Geschäftsführer von Boom Trikes stand mir nach der Testfahrt noch Rede und Antwort zu der Neuentwicklung aus seinem Hause:

TS: Wie viele Vorbestellungen liegen für das neue Fahrzeug vor?

Herr Merkle: Bisher liegen über 30 Vorbestellungen vor.

TS: Wann werden die ersten Fahrzeuge an die Triker ausgeliefert?

Herr Merkle: Wir werden in der kommenden Woche zwei Fahrzeuge produzieren. In den darauf folgenden Wochen planen wir vier Trikes pro Woche zu bauen. Die Kunden die bisher geordert haben, werden also bis Ende Mai alle bedient sein und wir haben dann eine Lieferzeit von ca. acht Wochen. TS: In den Ford Armaturen leuchten mehrere Kontrollleuchten für Airbag usw. die im Trike nicht benötigt werden ständig. Die Kontrollen für Blinker und Fernlicht sind dagegen bei Tageslicht fast nicht zu sehen. Wird das noch geändert?

Herr Merkle: Diese Anzeigen werden in der Serie korrigiert werden. Der Elektroniker hat vor dem Serienstart noch einige Aufgaben zu bewältigen.

TS: Das elektronische Gas reagiert bei gleichbleibendem Tempo etwas unruhig und beim Gaswegnehmen etwas träge.

Herr Merkle: Auch daran arbeitet der Elektroniker noch. Bis zum Serienstart werden hier noch Feinkorrekturen durchgeführt.

TS: Passgenauigkeit und Verarbeitungsqualität sind an diesem Trike nicht in Ordnung. Klappern und Quietschen sind verschiedentlich zu vernehmen. Welche Änderungen fliesen da noch in die Serie ein?

Herr Merkle: Bei diesem Trike handelt es sich um ein zusammengesetztes Vorserienfahrzeug als Versuchsträger. Hier wurden keine großen Ansprüche an Optik und Qualität gestellt. Das wird sich in der Serie selbstverständlich ändern.

TS: Kann eigentlich der Ford Motor mit der Trike spezifischen Motorsteuerung von einer Ford Werkstatt gewartet oder repariert werden?

Herr Merkle: Mit unseren Motoren sind wir bei dem „World Wide Diagnostic System“ von Ford angeschlossen. Das heißt, wenn ein Ford Mechaniker irgendwo auf der Welt einen unserer Trike Motoren am Diagnose Gerät anschließt, so zeigt dieses Gerät an, dass es sich um einen Boom Trike Motor handelt und wirft die entsprechenden Daten dazu aus.

 

TS: Die Lenkung ist bei niedrigen Geschwindigkeiten sehr leichtgängig. Auf den ersten Kilometern habe ich deshalb einen Lenkungsdämpfer vermisst. Ist in der Serie so etwas geplant?

Herr Merkle: Die Lenkgeometrie ist so optimiert, dass sich das Trike im Stand oder in der Stadt sehr leicht lenken lässt, sich dann aber bei höherer Geschwindigkeit so stabilisiert dass man den Lenker bedenkenlos loslassen kann und sogar den Lenker anstoßen kann ohne eine Unruhe ins Fahrzeug zu bringen. Die Lenkung soll auch bei Kurvenhatz oder auf schönen Serpentinenstrecken leichtgängig sein. Ein Lenkungsdämpfer ist deshalb nicht nötig.

Ich bedanke mich bei Herrn Merkle für die Überlassung des Trikes und wünsche der Firma Boom mit diesem neuen Modell den Erfolg beim Kunden den das Fahrzeug meiner Meinung nach auch verdient hat.

Text Peter Stief

Bilder Jürgen Hammer und Peter Stief