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26.08.2009

Ein heißer Ritt auf breiten Schlappen

Auf der internationalen Automobil Ausstellung 2005 in Frankfurt präsentierte die Firma Boom ein Modell ihres Fighters mit sagenhaften 220 PS. Als Besitzer eines 50 PS Käfertrikes kann ich mir diese Leistung bei knapp 700 kg. Fahrzeuggewicht kaum vorstellen. Ich fragte also Wolfgang Merkle nach einer ausgedehnten Probefahrt mit diesem Donnerbolzen um darüber in der „Trikerszene“ zu berichten. Zusage eingeholt, Termin vereinbart und auf gutes Wetter gehofft. Wenige Tage vorher noch einmal angefragt ob auch alles in Ordnung geht? „Der 220 PS Power Fighter ist nicht verfügbar, aber fahr doch erst mal mit dem 170 PS Fighter“. Auch nicht schlecht dachte ich so für mich, fahr ich halt erst mal mit dem „gemütlichen“ Trike.

Die Fahrt sollte mich nach Ungarn führen aus verschiedenen Gründen: Zum Einen kann ich auf der langen Anfahrt mal die Langstreckentauglichkeit testen, zum Anderen sagt mir die Erfahrung dass ich dort auch Ende Oktober noch trockenes Herbstwetter antreffen und nicht zuletzt sind die Straßenzustände dort fast überall so besch…., dass Fahrwerkschwächen erbarmungslos aufgedeckt werden.

Am vereinbarten Treffpunkt übernahm ich also das Fahrzeug und setzte mich zum allerersten Mal auf einen Fighter. Das war die erste positive Überraschung: Die Sitzposition kam mir noch bequemer vor als auf dem Low Rider. Die Sitzschale ist auf jeden Fall besser ausgeformt und etwas breiter. Sogar mein ausladendes Hinterteil fand bequem darin bequem Platz. Vor allem in Lederhosen sitzt man auf dem Bezugstoff wie festgepappt. Auch ganz wild genommene Kurven brachten mich nicht ins Rutschen.

Als ich dann mal losgefahren war wollte ich gar nicht mehr absteigen. Ich fuhr die rund 1100 Km fast non stop durch und hielt nur zum Tanken und Pinkeln zwischendurch an. Als ich dann nach gut 9 Stunden mein Ziel in Südungarn erreicht hatte, hätte ich meinem Hintern und meinem Kreuz gut und gerne noch mal zwei Stunden Triken zugetraut. Dieser Langstreckenkomfort sucht also wirklich seinesgleichen.

Die Schalter für Licht, Blinker Hupe usw. sind genau dort wo sie der linke Daumen auch sucht. Nur die Blinkerrückstellung ist vor allem mit dicken Handschuhen ein richtiges Geduldspiel. Die Armaturen sitzen genau im Blickfeld des Fahrers und sind gut ablesbar. Nur zwei Kontrolleuchten sind so tief auf der Tankattrappe versteckt dass ich diese erst bei meinem letzten Absteigen bemerkt habe. Tachometer und Wegstreckenzähler sind sehr optimistisch und eilen beide etwa 10 % voraus. Nur die Tankuhr zeigt sehr genau an. Wenn die auf „leer“ steht ist der Tank auch wirklich leer. Ich kann das bestätigen! Sollte bei den ersten Serienmodellen wirklich Probleme mit hakeliger Schaltung aufgetreten sein, so haben dies die Boom Mannen bestens auf die Reihe gebracht. Die Gangwechsel flutschen butterweich und genau.

Die dicken Lenkerenden liegen gut in der Hand. Die Lenkung ist sehr leichtgängig und sehr direkt. Hier ist beim Einhändig fahren Vorsicht geboten. Ein wenig zittern mit der Hand hat gleich einen Meter Abweichung von der Fahrtrichtung zur Folge. Die Größe und das vergleichsweise hohe Gewicht des Trikes merkt man beim Fahren überhaupt nicht. Dies wird nur zum Nachteil wenn man auf engem Raum rangieren muss. Dann wird auch die Lenkung bei vollem Einschlag sehr schwergängig.

Die Lichtausbeute der breiten Euronormscheinwerfer ist hervorragend. Wenn man dann noch aufblendet, dann geht ein Licht an das die Bezeichnung Fernlicht auch verdient. Gut 200 Meter Straßen sind dann vor einem ordentlich ausgeleuchtet. 

Dass die Bremsen an einem solchen modernen Trike um Quanten besser sind als an einem alten Käfertrike ist kein Geheimnis und pure Notwendigkeit. Hier werden aber vermutlich alle Trikehersteller etwa auf demselben technischen Level stehen. Dies haben aber „richtige Fachleute“ in den letzten Tagen für viel Geld schon verglichen und beurteilt. Der Fighter ist auf jeden Fall gut dosierbar und der Motorleistung angemessen sehr gut zu verzögern.

Die „nur“ 170 PS haben in mir nicht einmal den Wunsch nach nur einem Pferdchen mehr aufkommen lassen. In den unteren drei Fahrstufen konnte ich das Heck in den Kurven mit der Gashand trotz der 345 mm breiten hinteren Schlappen problemlos auch auf trockenem und griffigem Fahrbahnbelag zum driften animieren. In den oberen Gängen aber ist die Geschwindigkeit dann so hoch, dass der fehlende Mut (oder der Rest an Vernunft) des Fahrers, dies im öffentlichen Straßenverkehr nicht mehr ausprobieren wollte.

Steht mal bei Tempo 80 das Überholen eines LKWs an, so empfiehlt es sich aus der größten Übersetzung um eine oder zwei Fahrstufen zurückzuschalten. Im 5. Gang bei 80 Km/h dreht der Motor mit etwa 1800 Touren. Mit dieser niedrigen Drehzahl tut er sich doch ein wenig schwer zügig zu beschleunigen. Schaltet man dann aber auf den 3. Gang zurück, so kommt ganz kurz und trocken der berühmte Tritt ins Kreuz und das Überholen von sogar mehreren LKWs ist nur noch eine Sekundensache. Ab etwas über 3000 Touren erdröhnt von hinten ein Röhren und Fauchen dass es eine wahre Lust und ein Ohrenschmaus ist. Die Beschleunigung ist dann so brachial dass man binnen Sekunden Geschwindigkeiten jenseits von Gut und Böse erreicht. Hier zeigt es sich, dass dieses Trike wirklich nur für ganz charakterfeste Menschen mit einem guten Rest an Vernunft und Selbstdisziplin geeignet ist. – Dies kann man aber bei einem Triker obligatorisch voraussetzen!    oder?

Man muss im Sattel dieses Power Fighters wirklich immer aufpassen dass die 170 Gäule nicht mit einem durchgehen und nur noch die geile Fahrfreude agiert.

Das Fahrwerk ist über jeden Zweifel erhaben und hat die Fuhre immer gut im Griff. Sportlich straff und doch noch recht komfortabel. Dies ist meiner Meinung nach viel der 60 mm starken Komfortgabel zu verdanken. Was dieses Teil an Schlägen wegsteckt, das kann wirklich nur der richtig beurteilen der die gleiche schlechte Wegstrecke schon öfter mit derselben Geschwindigkeit (sofern das überhaupt möglich ist) mit einem anderen Trike mit herkömmlicher Vorderradführung gefahren ist.

Spurrillen jedoch läuft das breite Vorderrad hinterher wie Nachbars Lumpi einer läufigen Hundedame. Hier ist gerade bei lässigem einhändigem Fahren Vorsicht geboten.

Die Optik der an den modernen Trikes heute verbauten kleinen Frontverkleidungen hat mich bisher immer etwas gestört. Nachdem ich aber auch bei diesem Fighter gemerkt habe welchen Winddruck diese kleine Maske vom Oberkörper und vom Kopf des Fahrers wegnimmt, werde ich diese Teile in Zukunft mit anderen Augen betrachten. Die erreichbaren hohen Geschwindigkeiten würde wohl kein aufrecht sitzender Triker lange aushalten. So gut trainierte Nackenmuskeln haben normalerweise nur Formel 1 Fahrer.

Der Spritverbrauch lag während der gesamten Fahrstrecke bei 8,25 Ltr. / 100 Km. Und da war z. B. eine nächtliche Autobahnetappe dabei, die mich in 2 Std. 40 Min. 363 Km quer durch Österreich führte. Die gewaltige Leistung des Motors wurde also schon abgerufen und häufig in Anspruch genommen. Mit keinem anderen offenen Fahrzeug hätte ich mir eine so lange Etappe mit einer so hohen Durchschnittsgeschwindigkeit zugetraut.

Ob denn nun die 50 Mehr PS des ganz neuen Power Fighters das Fahrvergnügen noch toppen können, das werde ich hoffentlich im kommenden Frühling erfahren. Ich freue mich schon heute auf die ersten wärmenden Sonnenstrahlen des Trikefrühlings 2006.